23. Mai 2017

Über Kinderkleidung...

Die liebe Jule ruft auf:  "Politisiert euch! Schnappt euch ein Handarbeitsprojekt und sucht darin das Politische. Blogt darüber."
Außerdem hat Karin eine neue Linkparty ins Leben gerufen: "Menschenskinder" heißt sie und es geht dort um Kinderkleidung, für alle Geschlechter.
Gründe genug, mal meine Gedanken über Kinderkleidung aufzuschreiben...

Wer mich kennt weiß, dass ich ein großes Problem mit Geschlechterstereotypen habe. Besonders, wenn es um Kinder geht! Ich finde es äußerst problematisch, wie die meisten Kinder von den Erwachsenen um sie herum in Rollen - und Kleidung - gezwängt werden, die vielleicht gar nicht ihrem Wesen entsprechen. Bei meiner Arbeit als Erzieherin in einer Krippe erlebe ich das immer wieder. 
Beispiele: Ein kleines Mädchen, immer am Toben, klettert und buddelt gerne - wird aber in rosa-glitzer-walle-walle Röcke/ Kleider gesteckt, die ihr beim Spielen oft im Weg sind. Ein Junge, der mit Spiderman/ Superman/ Batman auf den Pullis/ Shirts/ Schlüppern unterwegs ist, aber (zum Glück!) keine Ahnung hat, wer diese Figuren eigentlich sind. Ein einjähriger Junge, der im Winter mit Strumpfhose und Jeans in die Kita kommt; dort wird ihm die Jeans ausgezogen und eine kurze Hose über die Strumpfhose gezogen, weil er nicht nur in Strumpfhose in der Kita unterwegs sein soll. Fasching: Ein großer Teil der Mädchen kommt als Prinzessin/ Fee/ Elfe, natürlich rosa oder lila und mit vielen Rüschen und Gltzer, der größte Teil der Jungen kommt als Darth Vader/ Ritter/ Polizist, natürlich mit Waffen und Masken.
Naja, Beispiele könnte ich unendlich viele aufzählen...

Teeniehoodie

Meine Frage, die sich an die Erwachsenen richtet: Warum dürfen Kinder nicht mehr Kinder sein? Warum müssen sie schon als einjährige wie kleine Erwachsene aussehen? Warum muss man ein 2jähriges Mädchen in Hüft-Röhrenjeans zwängen, die nur schwer über den Windelpo passen? 

Über das große Gender-Thema hinaus gibt es hierbei auch noch Fragen, die die Entwicklung der Kinder betreffen: 
Wie soll ein (2-3jähriges) Kind lernen, sich alleine an- und auszuziehen, wenn die Kleidung, die es trägt, statt zu Erfolgserlebnissen zu Frust führt (Hosen mit Knöpfen, die es noch nicht öffnen und schließen kann/ sehr enge Hosen, die es nicht über seinen Po gezogen bekommt/ Shirts, die so eng sitzen, dass es seine Arme nicht hinaus ziehen kann/ Kleider, die aus soviel Stoff bestehen, dass es nicht herausfinden kann, wo Arme, Kopf und der Rest des Körper hineingehören...)?
Wieso darf ein Kind nicht selber herausfinden, worin es sich wohlfühlt, sondern muss tragen, was die Erwachsenen "süß" oder "cool" finden?
Wie soll ein Kind sich motorisch gut entwickeln können, wenn es ständig in Klamotten steckt, die seine Bewegungen einschränken/ in denen es sich unwohl fühlt?

In der Krippe läuft es morgens meistens so, dass wir ziemlich schnell den Kindern helfen (wir hoffen, es hilft ihnen!). Also z.B.: enge Jeans über Strumpfhosen werden ausgezogen. Dicke Wolljacken über Kleidern über Shirts über Bodies werden ausgezogen. Ständig herunterrutschende Hosenträger werden abgemacht. Haarspangen werden gerichtet, damit die Haare nicht ständig ins Gesicht fallen.
Dazu kommt, dass unsere Räume relativ warm sind, noch dazu haben wir Fußbodenheizung - genau aus dem Grund, dass die Kinder so wenig wie möglich anhaben müssen, damit sie sich so gut wie möglich selbstsändig bewegen können!

Kinderhoodie

Als ich direkt nach der Ausbildung angefangen habe zu arbeiten, war meine Haltung hierbei noch nicht so klar. Natürlich kann ich die Eltern auch irgendwie verstehen, und ja, ich mag auch Glitzer und ein kleines Kind im Tüllrock finde ich auch manchmal niedlich. Aber es muss zum Kind passen! Und mit der Erfahrung in der Kita festigte sich auch meine Haltung: Hauptsache bequem! 

Ein weiterer Punkt, der mich beruflich sehr beschäftigt, ist wie wir Erwachsenen die Kinder mit dem, was wir sagen, in eine bestimmte Richtung drängen. Kommt ein Mädchen in einem neuen Kleid in den Gruppenraum wird es gleich begrüßt mit: "Oooh, wie schön Du heute aussiehst! Hast Du ein neues Kleid?" Wenn man mal kritisch über das Gesagte nachdenkt merkt man, dass dadurch beim Kind ankommen kann: "Du bist (nur) schön, WEIL Du ein (neues) Kleid an hast." Ist doch furchtbar, oder?!?
Ich versuche also sehr, auf meine Sprache zu achten. Beispiel: Wenn ein Kind mich auf seine neuen Schuhe aufmerksam macht versuche ich nicht das Äußere hervorzuheben sondern sage: "Oh, hast Du neue Schuhe? Sind die bequem? Kannst Du gut darin gehen?"

Das ist gar nicht so einfach, aber der Mühe wert!


Kinderpullover

Natürlich beschäftigt mich das Thema nicht nur beruflich, sondern auch privat. Ich nähe ja auch gerne mal Kleidung für Kinder in meiner Familie oder Freundeskreis. Hierbei achte ich schon darauf, was den Beschenkten gefallen könnte, ich gehe aber nicht über meine eigenen Grenzen. 


So, und jetzt kommen wir mal zu den Fotos: Die zeigen nämlich einen Pullover, den sich meine große Nichte zu ihrem 12. Geburtstag von mir gewünscht hat. Vorgaben waren: Mit Kapuze, rot und Sterne.

Ich habe mich kurz auf die Suche nach einem Schnitt begeben und war dann entsetzt, dass es etliche Schnittmuster für Kinder gibt, die nach Mädchen und Junge unterscheiden. Es gibt also Shirt- und Pulloverschnitte für Mädchen, die tailliert sind (... wo wir wieder beim Thema Bequemlichkeit wären!).
Dann erinnerte ich mich zum Glück daran, dass ich noch einen Schnitt auf Lager hatte. Und zwar ist dies der Schnitt "Mika" von Pattydoo - ihre Schnitte sind übrigens nicht nach Mädchen und Jungen unterteilt! 

Meine Nichte hat sich gefreut, ich mich dann natürlich auch. Aufgabe erfolgreich gelöst! :)

So, jetzt habe ich ziemlich viel geschrieben. Aber das Thema ist mir wichtig! Ich hoffe, es ist die ein oder andere Anregung dabei.


Verlinkt außerdem beim Creadienstag.

Kommentare:

  1. gut viel geschrieben. richtig viel geschrieben, richtig geschrieben. sehr schön! danke für den beitrag!
    liebe grüße,
    jule*

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke dir! Und danke für den Anstoß!
      Liebe Grüße
      Antje

      Löschen
  2. Hi, ich finde den Pullover ganz großartig! Und mit Deinen Worten sprichst Du mir natürlich aus der Seele :-) Das von Dir als Krippen-Erzieherin nochmal in der Schärfe zu hören, ist sehr eindringlich! es ist wirklich unglaublich, was da abgeht. Um so schön, dass Du darüber schreibst und solche Pullover nähst! Danke und liebe Grüße! Karin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank! Ich hab mir sowohl beim Pullover als auch beim Text Mühe gegeben. ;)
      Viele Grüße
      Antje

      Löschen
  3. Der Beitrag hat mich wirklich begeistert. Danke dafür!

    Liebe Grüße,
    Sabrina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank und sehr gern geschehen! :)
      Liebe Grüße
      Antje

      Löschen
  4. Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag!
    Das Thema ist auch eines, das mir sehr wichtig ist, und ich nehme mir vor, selbst mal darüber zu schreiben...das passt alles nicht in einen einzelnen Kommentar. Was mich immer erschreckt, ist, wie sehr und wie schnell die Kinder diese Kategorien und "Regeln" selbst verinnerlichen. ("Du darfst bei uns nicht mitspielen, weil Du nichts mit Glitzer anhast!") Ich bin froh, dass meine Tochter mit 9 Jahren inzwischen sehr sensibilisiert ist, was dieses Thema betrifft, und dass sie selbstbewusst trägt (und tut), was sie mag. Im Kindergarten bei meinem Sohn (3-6-Jährige) muss ich leider schon feststellen, dass die Kinder (was aber hauptsächlich an den Eltern liegt und nicht an den Erzieherinnen!) großen Wert darauf legen, wer ein Shirt mit Darth Vader & Co anhat, usw... (Mein Sohn nicht!)...
    Ich denke weiter über dieses Thema nach!
    LG, Steffi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin sehr gespannt auf einen Beitrag von dir zu diesem Thema! Ich finde sowieso, dass sollte viel öfter thematisiert werden. Schließlich werden die Gedanken, die wir uns zu diesem Thema machen, an die nächste Generation weitergegeben.
      Liebe Grüße
      Antje

      Löschen
  5. Da ich mit diesem Thema bisher kaum in Berührung gekommen bin, war mir gar nicht klar wie schlimm das mittlerweile ist. Die wenigen Freunde mit Kindern, sehen das zum Glück ähnlich wie du und nähen zum Teil auch selbst.
    Ansonsten haben wir so einiges gemeinsam, da werd ich jetzt öfter hier auf deinem Blog vorbeischauen. :)
    Liebe Grüße
    Janina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sehr schön, da freue ich mich! :)
      Viele Grüße
      Antje

      Löschen
  6. Ganz viele Gedanken, die ich sofort 100%ig unterschreiben würde! Meine Nichten, 5 und 3, kriegen auch ständig Kleidchen angezogen, obwohl das so furchtbar unpraktisch ist, vor allem, weil die Große ein absolutes Kletteräffchen ist und dabei so ein Kleid ja nur stören kann. Ich beobachte aber auch, dass die beiden trotz aller Unpraktischkeit gerne Kleider anziehen wollen. Na, klar, sie haben es ja so gelernt und sehen um sich rum auch die anderen Mädchen in Kleidern und rosa und Glitzer. Aber da frage ich mich dann immer: wie geht man damit um? Wenn von den Kindern der Wunsch kommt, sowas anzuziehen - un sei er auch noch so sozial eingetrichtert - ist Verbieten doch auch keine Lösung. Hast du da Ideen zu?
    Und das mit den Komplimenten, die von Kindern dann ganz falsch kategorisiert werden, kenne ich auch. Auf die Frage "Wie war Weihnachten?" hat mir die kleine Nichte geantwortet "Ich hatte eine schöne Frisur". Ich war völlig perplex, dass das offenbar die wichtigste Erinnerung an Weihnachten war.
    Viel geschrieben, aber das passte gerade so schön....
    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Natürlich ist es schwierig, gegen schon vorhandene Sozialisation anzugehen. Ich versuche, Vorbild zu sein. Und eben auch andere Fragen zu stellen, z.B. statt:"Findest Du das Kleid schön?" - "Kannst Du gut in dem Kleid spielen? / Ist es bequem? Fühlst Du dich wohl?" Ich glaube, wenn erwachsene Bezugspersonen den Kindern solche Fragen stellen, lernen sie, dass es wichtig ist, sich darüber Gedanken zu machen. Dass es bei Kleidung nicht nur darauf ankommt, ob andere mich darin schön finden, sondern ob sie sich darin wohlfühlen. Du könntest die Kinder auch mal überraschen, indem Du z.B. etwas sagst wie: "Toll, so eine Hose hätte ich auch gerne! Die sieht aus, als wenn Du darin super klettern könntest! / Die hat so große Taschen, da kannst Du bestimmt prima Steine mit sammeln!..."
      Du kannst auch gucken, ob es in der Welt, in der sich deine Nichten bewegen, Figuren/ Kinderbuchhelden/ Geschichten gibt, die deiner Meinung nach bessere Rollen-Vorbilder abgeben und versuchen, sie ihnen schmackhaft zu machen. Also z.B. aus den ganzen Disney-Prinzessinen, die ja gerade wieder modern sind, diejenige aussuchen, die dir am ehesten zusagt. Denn wenn bei deinen Nichten schon bestimmte Dinge sehr ausgeprägt sind, ist es gut, daran anzuknüpfen - und dann langsam anderes einfließen lassen. ;)
      Viele Grüße
      Antje

      Löschen
    2. Superpraktische Latzhosen beneiden habe ich schon öfters gemacht (und die hätte ich auch wirklich gerne!). Das mit dem Nachfragen, wie sie sich in dem Kleid fühlen, werde ich mal ausprobieren. Also vielen Dank für die Ideen!

      Löschen